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Leseprobe aus:Jenny HanAlways and forever, Lara JeanMehr Informationen zum Buch finden Sie aufwww.hanser-literaturverlage.de Carl Hanser Verlag München 2018337

Jenny HanAlways and forever, Lara Jean

JENNY HANAus dem Engliscvon Ahennja HansenSchmidCARL HANSERVERLtAG

Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem TitelAlways and forever, Lara Jeanbei Simon & Schuster BFYR , an imprint of Simon & SchusterChildren’s Publishing Division, New York.Published by arrangement with Jenny Han.Die Zitate auf S. 7 und S. 325 stammen aus:Lucy Maud Montgomery, Anne auf Green Gablesübersetzt von Maria Rosken und Irmela Erckenbrecht 1986, 2010 Loewe Verlag GmbH, Bindlach1. Auflage 2018ISBN 978-3-446-25865-5Text Jenny Han 2017Alle Rechte der deutschen Ausgabe: Carl Hanser Verlag München 2018Layout und Gestaltung nach Anregungund Ideen der Studierenden der HT WK-Leipzigdes Studiengangs Buch- und MedienproduktionSatz im VerlagLettering: All Things Letters / Chris Campe, HamburgDruck und Bindung: GGP Media, PößneckPrinted in Germany

Liebe Leser,dieses Buch ist für euch.

»Ich weiß noch nicht,was hinter dieser Biegung auf mich wartet,aber ich glaube,es wird etwas Gutes sein «L. M. MONTGOMERY, Anne of Green Gables

Am liebsten beobachte ich Peter, wenn er es nicht merkt. Ich bewundere dann seine ebenmäßigen Züge, sein schön geschwungenesProfil. Sein Gesicht ist so offen, so unschuldig – es strahlt eine ganzbesondere Freundlichkeit aus. Und es ist vor allem diese Freundlichkeit, die mein Herz berührt.Am Freitagabend nach dem Lacrosse-Spiel hängen wir mal wieder bei Gabe Rivera ab. Unsere Schule hat gewonnen, und alle sindgut drauf. Peter hat besonders gute Laune, weil er das entscheidendeTor erzielt hat. Er spielt auf der anderen Seite des Zimmers mit einpaar Jungs aus der Mannschaft Poker und lehnt mit seinem gekippten Stuhl an der Wand. Seine Haare sind noch nass vom Duschennach dem Spiel. Ich sitze mit meinen Freunden Lucas Krapf undPammy Subkoff auf dem Sofa. Die beiden blättern in der neuestenAusgabe der Teen Vogue und beratschlagen, ob Pammy sich einenPony schneiden lassen soll.»Was meinst du, Lara Jean?«, fragt sie und fährt sich mit den Fingern durch die karottenroten Haare. Pammy ist eine neue Freundinvon mir – wir haben uns kennengelernt, weil sie mit Peters FreundDarrell zusammen ist. Sie hat ein rundes Puppengesicht, das, ebensowie ihre Schultern, mit zarten Sommersprossen übersät ist.»Also, ich finde, ein Pony sollte gut überlegt sein, weil du dichdamit auf ziemlich lange Zeit festlegst. Je nachdem, wie schnell deine Haare wachsen, kann es ein Jahr oder länger dauern, bis sie wieder alle die gleiche Länge haben. Aber wenn du ernsthaft darübernachdenkst, würde ich an deiner Stelle bis zum Herbst warten –9

bald ist Sommer, da kann ein Pony ziemlich nervig sein, man schwitztdarunter, und alles klebt « Meine Augen wandern zurück zu Peter.Er sieht auf, merkt, dass ich ihn anschaue, und zieht fragend dieAugenbrauen hoch. Ich lächele nur und schüttele den Kopf.»Dann also keinen Pony?«Mein Handy summt in meiner Tasche. Es ist Peter.Willst du gehen?Nein.Warum siehst du michdann so an?Weil mir danach ist.Lucas liest über meine Schulter mit. Als ich ihn wegschiebe, schüttelt er den Kopf und sagt: »Ihr schreibt euch ernsthaft Nachrichten,obwohl ihr nur ein paar Meter voneinander entfernt sitzt?«Pammy zieht ihre Nase kraus. »Das ist so süß.«Bevor ich antworten kann, kommt Peter mit zielstrebigen Schritten auf mich zu. »Zeit, meinen Schatz nach Hause zu bringen«, verkündet er.»Wie viel Uhr ist es denn?«, frage ich. »Ist es schon so spät?«Peter zieht mich vom Sofa hoch und hilft mir in meine Jacke.Dann nimmt er meine Hand.Ich drehe mich noch einmal um und winke. »Tschüss, Lucas!Tschüss, Pammy! Und übrigens: Ich finde, ein Pony würde dir totalgut stehen!«»Warum hast du es denn so eilig?«, frage ich, als Peter mich durchden Vorgarten zur Straße zieht, wo sein Auto parkt.Er bleibt vor dem Wagen stehen, nimmt mich in den Arm und10

küsst mich. »Ich kann mich nicht auf meine Karten konzentrieren,wenn du mich so anschaust, Covey.«»Tut mir leid «Bevor ich weitersprechen kann, küsst er mich schon wieder, seineHände fest an meinem Rücken.Im Auto schaue ich auf das Armaturenbrett – erst Mitternacht.»Wir haben noch eine Stunde, bevor ich zurückmuss. Was sollen wirsolange machen?«Ich bin die Einzige, die abends zu einer bestimmten Uhrzeit zuHause sein muss. Punkt ein Uhr ist für mich Zapfenstreich. Mittlerweile haben sich alle daran gewöhnt: Peter Kavinskys brave Freundin muss um eins im Bett sein. Aber es hat noch keinen Abend gegeben, wo mich das gestört hätte. Weil, mal ehrlich, es ist nicht ja so,als würde ich was verpassen. Es sei denn, man schaut gern zu, wiedie Leute stundenlang Flip-Cup spielen. Nein danke, da verkriecheich mich lieber in meinem kuscheligen Schlafanzug ins Bett, miteiner Tasse Gutenachttee und einem Buch.»Wir könnten zu euch fahren. Ich hätte Lust, deinem Vater kurzHallo zu sagen. Und wir könnten Alien zu Ende schauen.« Peter undich arbeiten nach und nach eine Filmliste ab, die aus meinen Vorschlägen besteht (Lieblingsfilme von mir, die er nicht kennt), ausseinen Vorschlägen (Lieblingsfilme von ihm, die ich nicht kenne)und aus Filmen, die keiner von uns gesehen hat. Alien wurde vonPeter ausgesucht und hat sich als richtig guter Film entpuppt. Undobwohl Peter immer behauptet hat, er finde Liebeskomödien langweilig, hat ihm Schlaflos in Seattle total gefallen. Ich war ziemlicherleichtert, weil ich unmöglich mit einem Jungen zusammen seinkönnte, der den Film nicht mag.»Ich will nicht nach Hause«, sage ich. »Ich hätte Lust, noch irgendwo hinzugehen.«Peter überlegt und klopft dabei mit dem Finger auf das Lenkrad.Dann sagt er: »Ich weiß was.«11

»Und was?«»Wart’s ab.« Er öffnet das Fenster, frische Nachtluft zieht insAuto.Ich lehne mich in meinem Sitz zurück. Die Straßen sind leer, diemeisten Häuser dunkel. »Lass mich raten. Wir fahren zum Diner,weil du Lust auf Blaubeerpfannkuchen hast.«»Nö.«»Hmm. Für Starbucks ist es zu spät, und Biscuit Soul Food hatschon zu.«»He, ich denke nicht immer nur ans Essen«, widerspricht er. »Sindeigentlich noch Kekse in der Dose?«»Die sind alle, aber zu Hause hab ich vielleicht noch welche,wenn Kitty sie nicht aufgefuttert hat.« Ich lasse den Arm aus demFenster hängen. Bald sind die kalten Nächte vorbei, in denen maneine Jacke braucht. Aus dem Augenwinkel mustere ich Peters Profil.Manchmal kann ich es immer noch nicht fassen, dass er mir gehört.Der hübscheste aller hübschen Jungs gehört mir, mir ganz allein.»Was ist?«, fragt er.»Nichts«, sage ich.Zehn Minuten später fahren wir auf den Campus der Universityof Virginia, nur dass ihn niemand so nennt – alle sagen »Grounds«dazu. Peter parkt am Straßenrand. Es ist wenig los für einen Freitagabend in einer Uni-Stadt, aber die meisten Studenten sind vermutlich wegen der Frühlingsferien nach Hause gefahren.Hand in Hand spazieren wir über die große Rasenfläche in derMitte, als mich plötzlich eine Panikwelle überkommt. Ich bleibe wieangewurzelt stehen und frage: »Glaubst du, es bringt Unglück, hierherumzulaufen, bevor ich einen Studienplatz habe?«Peter lacht. »Das ist doch keine Hochzeit. Du willst die UVAdoch nicht heiraten.«»Du hast leicht reden. Du hast ja schon eine Zusage.«Peter hat schon letztes Jahr der Lacrosse-Mannschaft der UVA12

eine mündliche Zusage gegeben und sich dann im Herbst im Frühzulassungsverfahren beworben. Wie die meisten Sportler hat er seinen Studienplatz sicher, solange seine Noten einigermaßen in Ordnung sind. Nachdem im Januar die offizielle Zusage kam, hat seineMutter eine große Party für ihn geschmissen. Ich habe einen Kuchengebacken, auf dem in gelber Zuckerguss-Schrift Meine Tore für dieUVA stand.Peter zieht mich an der Hand und sagt: »Komm schon, Covey. Obdu hier studierst, hat doch mit Schicksal nichts zu tun. Außerdemwaren wir vor zwei Monaten schon mal hier, bei dieser Veranstaltung im Miller Center.«Ich beruhige mich wieder. »Oh, stimmt.«Wir gehen weiter. Mittlerweile kenne ich unser Ziel: die Stufenvor der Rotunde. Der Rundbau wurde von Thomas Jefferson entworfen, dem Gründervater der Universität, und nach dem Vorbilddes Pantheons gestaltet, mit weißen Säulen und einer großen Kuppel. Peter rennt die Steinstufen hoch wie Rocky und lässt sich fallen.Ich setze mich vor ihn und lehne mich zurück.»Wusstest du eigentlich, dass die UVA sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass das Zentrum der Uni hier in der Rotundeeine Bibliothek ist und keine Kirche? Jefferson war nämlich derÜberzeugung, Schule und Kirche sollten strikt getrennt sein.«»Hast du das in der Uni-Broschüre nachgelesen?«, neckt Petermich und drückt mir einen Kuss auf den Nacken.Verträumt sage ich: »Das haben sie erklärt, als ich letztes Jahr denCampus besichtigt habe.«»Davon hast du mir gar nichts erzählt. Warum machst du eineBesichtigung mit, wenn du hier in der Stadt wohnst? Du warst dochschon tausend Mal auf dem Campus!«Es stimmt, ich war schon viele Male hier. Seit meiner Kindheitbin ich mit meiner Familie regelmäßig hergekommen. Als meineMutter noch am Leben war, haben wir immer die Konzerte der13

Hullabahoos besucht, eine studentische A-cappella-Gruppe, diemeine Mutter ganz toll fand. Auf der Wiese vor der Rotunde habenwir für Familienfotos posiert, im Sommer haben wir nach der Kirche hier gepicknickt.Ich drehe mich zu Peter um. »Ich habe die Besichtigung gemacht,weil ich alles über die UVA wissen wollte. Sachen, die man nichtunbedingt mitbekommt, nur weil man hier lebt. Kannst du mir sagen, wann Frauen hier zum Studium zugelassen wurden?«Er kratzt sich am Hals. »Äh keine Ahnung. Wann wurde dieUni denn gegründet? Vielleicht Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts? So um 1920?«»Nein. Frauen dürfen erst seit 1970 hier studieren.« Ich drehemich wieder um und betrachte das Gelände. »Erst hundertfünfzigJahre nach der Gründung.«Fasziniert sagt Peter: »Was? Krass. Weißt du noch mehr Fakten?«»Die UVA ist die einzige Universität, die in die Weltkulturerbeliste der UNESCO aufgenommen wurde.«»Schon gut, das reicht«, wehrt er ab und bekommt dafür von mireinen Klaps aufs Knie. »Reden wir lieber über was anderes. Worauffreust du dich am meisten, wenn du hier studierst?«»Du zuerst. Worauf freust du dich?«Er antwortet sofort. »Ganz einfach. Darauf, mit dir zusammen alsFlitzer den Campus aufzumischen.«»Ernsthaft? Du freust dich darauf, nackt über den Campus zurennen?« Hastig füge ich hinzu: »Außerdem würde ich so was niemals tun.«Er lacht. »Das ist Tradition hier. Ich dachte, du stehst auf UVATraditionen.«»Peter!«»War nur ein Witz.« Er beugt sich vor, legt die Arme um mich undreibt seine Nase an meinem Nacken, wie er es gerne tut. »Du bistdran.«14

Ich träume kurz vor mich hin. Worauf freue ich mich am meisten,wenn ich hier studieren darf? Da gibt es so vieles, dass ich gar nichtalles aufzählen kann. Ich freue mich darauf, jeden Tag mit Peter Waffeln in der Cafeteria zu essen. Mit ihm den Hang vor der Cafeteriarunterzurutschen, wenn es schneit. Auf die Picknicks, wenn es warmist. Darauf, die ganze Nacht wach zu bleiben und zu reden und dannaufzuwachen und noch mehr zu reden. Auf spätabendliche Besucheim Waschsalon und spontane Wochenendausflüge. Einfach aufalles.Schließlich sage ich: »Ich habe Angst, dass es Unglück bringt,wenn ich darüber rede.«»Komm schon!«»Okay, okay Ich glaube, ich freue mich am meisten darauf zum Lernen in den McGregor-Saal zu gehen.« Der Lesesaal derUni-Bibliothek trägt auch den Spitznamen »Harry-Potter-Saal«, wegen der prunkvollen Teppiche, der Kronleuchter und Ledersesselund der Porträts an den Wänden. Die Regale reichen vom Boden biszur Decke, und die Bücher werden durch Metallgitter geschützt,weil sie so wertvoll sind. Der Raum wirkt wie aus einer anderen Zeit,und es ist sehr still dort – eine fast ehrfürchtige Ruhe. Als ich etwafünf oder sechs Jahre alt war, noch vor Kittys Geburt, besuchte meineMutter ein Seminar an der UVA und setzte sich immer mit uns zumLernen in den McGregor-Saal. Margot und ich haben dann gemaltoder gelesen. Weil wir uns dort nie gestritten haben, sagte meineMutter immer, es sei eine magische Bibliothek. Wir waren beide jedesMal mucksmäuschenstill, weil wir die vielen Bücher und die jungenLeute, die an den Tischen saßen und lernten, so bewundert haben.Peter zieht ein enttäuschtes Gesicht. Bestimmt hat er etwas erwartet, das mit ihm zu tun hat. Mit uns. Aber diese Träume möchteich vorerst lieber für mich behalten.»Du kannst ja mit in den Lesesaal kommen«, sage ich. »Aber nur,wenn du versprichst, leise zu sein.«15

Zärtlich entgegnet er: »Lara Jean, du bist echt der einzige Mensch,der sich für eine Bibliothek begeistern kann.«Den vielen Fotos auf Pinterest nach zu urteilen, gibt es viele Leute, die sich darüber freuen würden, in einer so wunderschönen Bi bliothek zu lernen. Aber eben nicht die Leute, die Peter kennt. Deshalb findet er mich ein wenig sonderbar. Ich habe nicht vor, ihm zuverraten, dass ich gar nicht so sonderbar bin und dass es in Wirklichkeit viele Menschen gibt, die gern zu Hause bleiben, Kekse backenund Scrapbooks basteln oder die in Bibliotheken gehen. Auch wenndie meisten schon mindestens fünfzig Jahre alt sein dürften. Ich finde es schön, wenn er mich anschaut, als wäre ich eine Elfe, die ereines Tages zufällig entdeckt und einfach mit nach Hause genommen hat.Peter zieht sein Handy aus der Tasche seines Kapuzenpullis.»Halb eins. Wir müssen los.«»Schon?«, seufze ich. Ich bin gern spätabends hier. Es kommt mirdann so vor, als würde das ganze Gelände nur uns gehören.Tief in meinem Herzen war es schon immer mein Wunsch, spätermal an die UVA zu gehen. Eine andere Uni ist für mich nie infragegekommen. Darum wollte ich mich eigentlich auch schon im Frühzulassungsverfahren bewerben, wie Peter, aber Mrs. Duvall, meineCollegeberaterin, hat mir davon abgeraten. Sie sagte, es sei besser,noch zu warten, damit meine Halbjahresnoten in die Bewerbungeinfließen können. Meine E